0180 – Fazit zur Entwicklung des Internets

Das Internet hat sich in seiner kurzen Geschichte im Vergleich zu anderen historischen Leitmedien rasant entwickelt. Sowohl diese schnelle Entwicklung als auch die unzähligen technologischen Fortschritte sind historisch betrachtet beispiellos. Wie bei jedem Leitmedienwechsel bedarf es neuer Kompetenzen sowohl auf Ebene der Institutionen als auch der Individuen, um den Übergang unter Wahrung der demokratischen Errungenschaften für die Gesellschaft positiv zu gestalten. Technologieeinsatz ist dafür notwendig, aber bei Weitem nicht hinreichend.

Im Zentrum vieler Herausforderung steht die Fragen nach digitalen Daten. Ihnen kommt je nach Kontext wichtige Bedeutung zu:

  • Daten als Rohstoff für Wachstum
  • Daten als Rohstoff für Gefahrenabwehr
  • Daten als Grundlage für neue Angriffs- und Kontrollszenarien
  • Aber auch: Daten als Grundlage für die individuelle Unterstützung und Analyse von Individuen zur Erleichterung und Verbesserung der Lebensumstände

Entscheidene Zukunftsfragen sind u.a.: Wie und von wem werden diese Daten zu welchem Zweck verwendet? Welche Rolle spielt der Staat dabei? Wie lassen sich global agierende Digitalkonzerne staatlich steuern?

Allerdings treffen diese Entwicklungen auf ein kulturelles System, welches mehrere Leitmedienwechsel mehr oder minder erfolgreich gemeistert hat. Die heutigen Menschen verfügen bereits über ein Vielzahl von Kompetenzen aus den historisch durchlebten Leitmedienwechseln, die die Voraussetzung zur Meisterung der nun anstehenden Aufgaben darstellen. Auch diese Stärke ist historisch gesehen wiederum – dieses Wort habe ich nun wahrlich überstrapaziert – beispiellos.

Unter der Perspektive eines Bildungsystems ergeben sich hieraus interessante Fragestellungen. Politik hat dabei eher das im wörtlichen Sinne Fassbare, nämlich den Geräteeinsatz im Blick. Auch der Digitalpakt trägt in Teilen noch diese Züge, indem er z.B. weiterhin interaktive Tafelsysteme – also konkrete Geräte – fördert.

0130 – Wie Google etablierte Webtechniken weiterentwickelt

Ein geradezu prototypisches Beispiel dafür, wie sich Datenverarbeitung unter dem Einfluss von Personalisierung verändert hat, sind die CAPTCHAs. CAPTCHAs sollten ursprünglich in Webformularen nachweisen, dass tatsächlich ein Mensch und nicht etwa ein Programm gerade Daten eingibt. Sie kennen solche Sicherungen alle:

ReCaptcha - früher

Bildquelle: wikimedia.org, Public Domain

Daraus entwickelte sich mit der Firma reCAPTCHA schon früh eine Geschäftsidee: Man präsentierte dem Nutzer ein bekanntes Wort und eines, welches Texterkennungsprogramme aus Digitalisierungsprojekten (z.B. in Archiven) nicht erkennen konnten.

Es lässt sich statistisch herausfinden, ob die Eingabe eines Benutzers korrekt ist: Die Wortkombination wird innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums mehreren Benutzern zugleich präsentiert und die häufigste Eingabe wird als richtig angenommen.

( https://de.wikipedia.org/wiki/ReCAPTCHA )

Man trainierte also unter Ausnutzung von Menschen unauffällig die eigene Texterkennungssoftware! Es wurde dabei jedoch nur die Eingabe verwertet, keine anderen Daten. Google kaufte 2009 reCAPTCHA und der Dienst machte daraufhin ein bemerkenswerte Entwicklung durch. Heute sehen CAPTCHAs ganz anders aus:

Heutiges Captcha

Ein heutiges CAPTCHA

Sie klicken einfach auf ein Feld Ich bin kein Roboter- und die Trennung zwischen Mensch und Programm funktioniert trotzdem perfekt. Was geschieht da? Ein Hacker namens neuroradiology hat sich die Mühe gemacht, den dahinterliegenden JavaScript-Code zu analysieren. Google verwendet unter anderem folgende Daten, um zu bestimmen, ob ein Mensch die Checkbox klickt:

  • Browser und genutzte Plugins,
  • Zeitzone und Ausführungszeit des Computers,
  • IP-Adresse und grober Standort,
  • Bildschirmauflösung,
  • Anzahl der Klick-, Tastatur-, beziehungsweise Touch-Aktionen,
  • Vermutlich auch serverseitige Cookies,
  • Und einiges mehr.

Man muss nicht alle diese Punkte verstehen, um zu begreifen, dass hier personalisierte Daten in großem Umfang an Google fließen – beim Klick auf eine simple Checkbox! Und das nicht nur auf dem Handy – bei jedem Endgerät, mit dem das Internet genutzt wird! Bei einigen Daten ist es sogar denkbar, dass sich Benutzer über verschiedene Geräte hinweg wiedererkennen lassen – trotz Adblocker und anderer Sicherheitsmaßnahmen – solange JavaScript aktiv ist (und ohne JavaScript ist fast kein Surfen möglich). Google arbeitet im Übrigen daran, selbst diese Checkbox verschwinden zu lassen und Menschen allein auf Basis von Daten wiederzuerkennen, die ihre Endgeräte beim Surfen liefern.

Die Entwicklung von reCAPTCHA zeigt für mich beispielhaft, wie sich das kommerzielle Netz von der Phase der Kommerzialisierung zur Phase der Überwindung des Marktes hin verändert hat.

0110 – Die Überwindung des klassischen Marktes oder die Phase der Personalisierung

Im Jahre 2007 kam das iPhone als technische Neuerung auf den Markt, die das Internet erneut revolutionieren sollte.

Hand, die ein iPhone hält

Bild von Jan Vašek auf Pixabay

Heute stellen wir Ihnen drei revolutionäre Produkte vor: Das erste ist ein Breitbild-iPod mit Touchscreen. Das zweite ist ein revolutionäres Mobiltelefon und das dritte ist ein neues, bahnbrechendes Internet-Kommunikationsgerät. Kapiert ihr es? Das sind nicht drei verschiedene Geräte. Das ist ein Gerät. Und wir nennen es: iPhone. Heute wird Apple das Telefon neu erfinden! (Steve Jobs, 2007)

Bisher erfolgte Internetzugriff meist über Laptops oder Desktop-PCs, also Geräte, die in der Regel zumindest im privaten Umfeld von mehreren Personen genutzt wurden. Das iPhone war das erste personalisierte Gerät, also ein Gerät, das genau einem Menschen zuzuordnen war.

Bei der Vorstellung im Jahre 2007 stand dieser Gedanke noch nicht so sehr im Vordergrund – vielmehr erlaubte das iPhone erstmals, das Internet ständig bei sich in der Hosentasche zu tragen und damit auch ständig onzu sein. Es schuf eine Verbindung zwischen der eigenen analogen Welt und dem globalen Netz. Man konnte jetzt überall Musik hören, Bilder aus seinem Leben auf einfache Weise mit Freunden z.B. auf Facebook zu teilen oder über Messenger kostenlos zu texten – der Niedergang der SMS war damit besiegelt. Alles war auf einmal nur einen Klick oder besser Wisch entfernt, Uploads konnten aus der Euphorie des Augenblicks heraus erfolgen.

Wir haben heute schon fast vergessen, dass man vor dem iPhone erst eine Digitalkamera an einen Rechner anschließen musste, um dann in einem sozialen Netzwerk Bilder hochladen zu können – ein aus heutiger Sicht unzumutbar umständlicher Weg, der aber auch durch den zeitlichen Abstand zur eigentlichen Handlung zumindest theoretisch Reflexionsprozesse ermöglichte: Think before you post! war schon 2007 eine gängige Floskel von Jugendschutzorganisationen, die an Aktualität bis heute nichts verloren hat.

Da das iPhone als Gerät bisher auf dem Markt beispiellos war, konnte wahrscheinlich selbst Steve Jobs bei Markteinführung nicht absehen, wohin sich diese wahrscheinlich ursprünglich auf Nutzungserfahrung optimierte Geräteklasse in der Folge entwickeln würde: Das Smartphone als Geräte ermöglichte erstmals die personenbezogene Erfassung von Nutzerdaten – sein Handy teilt man schließlich ebenso wie die eigene Unterhose nicht einmal mit dem (Ehe-)Partner.

0100 – Im Fokus des Marktes – die Phase der Kommerzialisierung

Sätze wie „Sie haben Post!“ oder „Bin ich schon drin, oder was?“ und Filme wie E-Mail für dich! mit Meg Ryan und Tom Hanks sind Ausdruck dessen, was Anfang der 1990er-Jahre mit dem Internet passiert: Das Netz der Wenigen wird Stück für Stück zu einem Netz der Massen. Tausende Menschen sitzen jernseits und diesseits des Atlantiks vor quäkenden Modems und wählen sich über die Telefonleitung in Dienste wie America Online (AOL) oder Compuserve ein.

Gebräuchliches V-90-Modem in der 90er Jahren

Gebräuchliches Creatix-Modem – Bild von User Chrkl auf Wikimedia, CC-BY-SA

Es werden erste Informationsdienste angeboten, z.B. Nachrichten und Wetter aber auch elektronische Kommunikation über E-Mail, Foren oder Newsgroups. Anfangs sind die Netze noch relativ geschlossen – weit über die AOL- oder Compuserve-Startseite kommt man nicht hinaus, aber mehr und mehr erobern ganz normale Menschen das Netz, die es konsumorientiert nutzen. Sie verstehen die technische Vorgänge dahinter nicht und sind daran auch nicht interessiert. Ein immer intuitiveres Webdesign mit zunehmend auch für Laien bedienbaren Oberflächen bildet dafür die Grundlage.

Menschen, die z.B. eigene Domainnamen registrieren und Webseiten anlegen, kommen eher aus der ehemaligen Homecomputingszene. Sie bleiben die Minderheit im Netz.

Der Zugang zum Internet wird über Telefongebühren finanziert. Satte Minutenpreise garantieren den Anbietern auskömmliches Wirtschaften und Familien ständig belegte Telefonanschlüsse. Oft kann man sich die erste Seite, die man aufrufen möchte, gar nicht aussuchen, sondern wird vom Internetanbieter gleich zwangsweise auf das eigene Portal gelenkt – heute unvorstell- aber technisch immer noch leicht machbar.

Um dem dem zunehmenden Wildwuchs an Seiten im Netz Herr zu werden, sind Suchmaschinen als leicht zu bedienende Zugangsportale unverzichtbar. Neben längst vergessenen Namen wie Altavista kommt schon 1998 ein Player auf den Markt, der heute das Internet dominiert: Google. Alles begann als ein studentisches Projekt von Lawrence (Larry) Page und Sergey Brin an der Stanford University mit der Entwicklung des PageRank-Algorithmus – bis dahin beispiellos und daher ließen nur mit Mühe Investoren finden. Lawrence Page ist noch heute als CEO im Konzern.

Erster Googleserver im Netz

Erster Google-Server an der Stanford University – Bild von User Christian Heilmann auf Wikimedia, CC-Lizenz

Die Bezüge zum Logo von Google sind bis heute unverkennbar – es sind die bei den Duplosteinen anzutreffenden Grundfarben.

Suchmaske von Google im Jahr 1998

Zugehörige Suchmaske von 1998 – Screenshot von WayBackMachine.org

Auch das Webseitendesign von Google hat sich bis heute – über 20 Jahre später – kaum verändert. Google erscheint als Understatement in schlichtem Gewand, hat als Suchmaschine jedoch alle seine Konkurrenten entweder verdrängt oder weit hinter sich gelassen. Wie Google steigen um die Jahrtausendwende unzählige Startups auf. Die deutsche Börse schuf mit dem neuen Marktein eigenes Marktsegment zum Handel von Aktien der Internetunternehmen.

Dadurch dass das Internet nun Stück für Stück zum Massenmedium wurde, kamen auch die ersten Probleme – vor allem im Mailsystem. Die Tatsache, dass E-Mails in unbegrenzter Zahl kostenlos verschickt werden können und dass das E-Mailprotokoll Designelemente aufweist, die eine oberflächliche Täuschung des Empfängers ermöglicht, wird heute kritisch gesehen. Eines der immer noch weitgehend ungelösten ist die Spam-Mail. Der größte Teil der weltweit verschickten E-Mails sind Spam-Mails. Über E-Mails werden bis heute aber auch gezielte Attacken auf ahnungslose Anwender ausgeführt. Selbst wenn nur Zehntelcentbeträge für das Verschicken von E-Mails fällig würden, könnte man das Problem entscheidend eindämmen. Organisatorisch scheitert eine solche Idee schlicht an Abrechnungsfragen. Durch die Offenheitheit und Diskriminierungsfreiheit des E-Mailsystems kann jeder Privatmensch z.B. eigene Server betreiben, die einen Versand von E-Mails erlauben.

Aber auch wirtschaftlich taten sich Probleme auf: Die großen Hoffnungen, die mit dem neuen Markt verknüpft waren, erfüllten sich nicht. Kaum ein Anbieter hatte ein wirklich tragfähiges Geschäftsmodell. Eine Ausnahme war hier schon Amazon Inc., 1998 allerdings noch auf den Onlinebuchhandel beschränkt. Mit Inhalten und Angeboten im Internet war aber für die allermeisten Startups zu diesem Zeitpunkt noch kein Geld zu verdienen.

In der Folge platzte 2001 eine Finanzierungsblase und riss auch assoziierte Aktiengesellschaften wie z.B. Cisco Systems (Netzwerktechnik), Intel (Prozessortechnik) und IBM (Computer- und Rechenzentrumstechnik) mit in den Abwärtsog, die vorher sehr wohl profitabel waren. Die Wirtschaft lernte hier eine wichtige Lektion: Es brauchte im Internet tragfähige Geschäftsmodelle. Diese waren noch nicht gefunden.

Selbst für Google wurde es kritisch, jedoch ergab sich für den PageRank-Algorithmus in Kombination mit Werbung ein erster Ansatz der Refinanzierung. Schließlich war das Netz nun ein Netz der Massen und somit auch für Werbetreibende zunehmend attraktiv.

Ein anderes Ereignis überschattete die Welt im gleichen Jahr, was sich für die weitere Entwicklung des Internets als fundamental erwies.

9/11 - Terroranschlag auf die USA

9/11 – Terroranschlag auf die USA – Nachbearbeitetes Bild von User MattWade auf Wikimedia, CC-BY-SA-Lizenz

Wie sich später herausstellen sollte, wären die koordinierten Terroranschläge im Jahre 2001 ohne die Möglichkeiten, die das Internet bot, kaum zu realisieren gewesen. Nicht nur die USA, auch andere Staaten der Welt lernten aus diesem historisch beispiellosen Ereignis und nahmen das freie Internet in den Fokus.

Im Kontext dieser beiden Ereignissen formierte sich das Netz neu: Auf der einen Seite die einsetzende Kommerzialisierung, auf der andere Seite der Aufbau einer zunächst rein staatlichen Überwachungsstruktur.

2004 erblickte Facebook in mehr oder weniger seiner jetzigen Form zunächst als studentisches Netzwerk an der Havard University das Licht der Welt. Mit Apple und Microsoft wäre die Liste der heutigen, fünf größten Internetkonzerne dann schon zu diesem Zeitpunkt nahezu komplett.

Völlig parallel entwickelte sich ab 2001 die Wikipedia als gemeinnütziges Projekt, mit dem Ziel, Wissen für jedermann frei zugänglich zu machen. Zu Wikipedias größtem Trumpf wurde die vernetzte, dezentrale Struktur. Anfangs belächelt avancierte die Wikipedia bald zu einer ernsthaften Konkurrenz klassischer, redaktionell betreuter Lexika, die hinsichtlich der Aktualität und des transparenten Zustandekommens von Artikeln weit hinter die Agilität einer völlig neu strukturierten Wikipedia zurückfielen. Heute ist die Wikipedia zu einem ernsthaften Rechercheinstrument geworden. Die Qualität von Wikipediaartikeln lässt sich im Gegensatz zu gedruckten Lexika anhand einfacher Fakten wie der Diskussionseite oder der Versiongeschichte verlässlich einschätzen.

Damit wären wichtige Entwicklungen aus der Zeit der Kommerzialisierung des Internets dargestellt. Die ist bei Weitem nicht vollständig. Wichtig für den weiteren Verlauf dieses Kapitels sind folgende Aspekte:

Die Phase der Kommerzialisierung ist geprägt von folgenden Entwicklungen:

  • Das Netz der wenigen wird ein Netz der vielen, die es zum Großteil nicht mehr gestalten, sondern eher konsumorientiert nutzen. Dies wird möglich durch bessere Oberflächen, die sich intuitiver bedienen lassen.
  • Wirtschaftlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass es tragfähige Geschäftsmodelle braucht. Diese basieren primär auf Werbung – eine aus den Printmedien bekannte Finanzierungsstrategie.
  • auf Seite des Staates wird erkannt, dass sich durch das Internet neue Angriffsszenarien ergeben, die einer stärkeren Kontrolle bedürfen und den Aufbau einer staatlichen Überwachungsstruktur legitimieren.

Das Misstrauen in staatliche Interventionen in das Internet bleibt bis heute wesentlich ausgeprägter als das MIsstrauen in das Agieren großer Digitalkonzerne.

0050 – Typografie oder das Zeitalter des Leitmediums Druck

Mit der Erfindung des Buchdrucks um 1440 durch Johann Gutenberg war es möglich, Text zu vervielfältigen. Vorher wurden Kopien von Texte aufwändig in z.B. klösterlichen Schreibstuben angefertigt, wobei auch grafische Gestaltungselemente eine große Rolle spielten. Das war in den Anfängen des Buchdrucks alles andere als trivial. Die Gutenbergbibel musste im Vergleich zu handschriftlichen klösterlichen Abschriften aus dem Mittelalter nahezu schmucklos-nüchtern auf die lesekundigen Zeitgenossen gewirkt haben. Farbige Magazine, wie sie heute als Wegwerfprodukte millionenfach produziert werden, waren lange Zeit undenkbar.

Diese einfache Beobachtung zeigt, dass hinter dem für uns heute selbstverständlichen typografischen Verfahren eine immense technologische Entwicklung steckt – vom einfachen Drucksatz mit Bleilettern über rein fotografische hin zu digitalen Belichtungsverfahren bei der Erstellung der eigentlichen Druckvorlage. Aber ein technologischer Blick auf den Buchdruck reicht nicht aus, um seine Bedeutung für z.B. die mitteleuropäische Kultur zu erfassen.

Was wir heute gerne außer Acht lassen, ist die Tatsache, dass es sich bei der Typografie um eine Technologie handelt, bei der es geraume Zeit gebraucht hat, bis sie z.B. emanzipatorische gesellschaftliche Entwicklungen beförderte. Man sieht das recht gut auf dieser Grafik, die die thematische Verteilung von Bücher auf dem Londoner Buchmarkt um 1700 darstellt – also immerhin 250 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks.

Thenatische Verteilung der Buchveröffebtlichungen in London um 1700 als Tortengrafik

Londoner Buchmarkt um 1700 – Lizenz CC-BY (Olaf Simons)

Der Londoner Buchmarkt wird zu einer guten Hälfte von Büchern zu Divinity (religiöse Schriften) bestimmt. Die Natur- und Geisteswissenschaften, die wir heute eng mit dem Buchdruck verknüpft sehen, spielten eine untergeordnete Rolle. Mit die allerersten Druckerzeugnisse waren Ablassbriefe:

Ablassbriefe waren einseitig mit einem formelhaften Text in der Donat-Kalender-Type bedruckt, und die ersten Auflagen erschienen auf Pergament. Nach dem Kauf musste der Gläubige nur noch seinen Namen in das vorgesehene Feld eintragen und ihn bei der nächsten Beichte abgeben. Daraufhin wurden ihm Sündenstrafen erlassen. Die durch den Buchdruck geschaffene Vervielfältigungsmöglichkeit ermöglichte eine hohe Auflage und weite Verbreitung. Ein bis heute erhaltenes Exemplar ist durch eine handschriftliche Notiz auf den 22. Oktober 1454, ein weiteres auf den 26. Januar 1455 datiert.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Gutenberg#Ablassbriefe_(1454/1455)

Die Kirche als Institution bestimmte lange maßgeblich, was in welchem Umfang veröffentlicht wurde – quasi ein historisches Google mit immenser Marktdurchdringung. Stück für Stück entdeckten aber auch staatliche Institutionen die Möglichkeiten der neuen Technik.

Der mehr oder minder flächendeckende Einsatz des Buches im Bildungswesen kommt mit der allgemeinen Schulpflicht im 17. Jahrhundert. Das in diesem Kontext oft zitierte Preußen führte 1717 eine allgemeine Unterrichts- jedoch keine Schulpflicht ein, was bis zum Jahr 1918 auch so bleiben sollte (Hans-Georg Herrlitz, Wulf Hopf, Hartmut Titze, Ernst Cloer: Die Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 5. aktualisierte Auflage. Juventa, Weinheim und München 2009). Das Interesse absolutistischer Herrscher der damaligen Zeit an einer schulisch gebildeten Bevölkerung dürfte sich eher mit Blick auf die erstarkenden Institutionen (u.a. Verwaltung, Militär) entwickelt haben – auch hier ging es zunächst weniger um das freie Individuum, als um die Ausbildung staatlicher und militärischer Funktionsträger. Der Bedarf an derartigen Arbeitskräften konnte nicht allein durch den Adelsstand gedeckt werden. Gleichwohl sollte sich historisch daraus das später erstarkende Bürgertum entwickeln. Ohne die Technologie Druck wären diese Vorgänge zumindest erheblich erschwert gewesen.

Es lässt sich aber jetzt schon etwas Wichtiges zeigen: Typografie als neues Leitmedium nützt zunächst eher den etablierten Institutionen wie der Kirche oder dem Staat. Sie verfügen über die Systeme, um zunächst Inhalte und deren Verbreitung zu kontrollieren. Emanzipatorische Entwicklungen brauchen noch Zeit, aber sie geschehen.

Typografie war Voraussetzung für noch eine weitere Entwicklung, die das Internet im Laufe seiner Geschichte immer mehr bestimmt hat, wie Sie im nächsten Teil dieses Buches noch ausführlicher sehen werden. Mit der Typografie erstarken die Märkte. Dabei sind keinesfalls die auch schon im Mittelalter bestehenden Verkaufsmärkte in Städten gemeint, sondern das, was wir heute meinen, wenn wir z.B. von freien Märkten sprechen.

Symbolische Darstellung der Verbindung von Typografie und Märkten

Symbolische Darstellung der Verbindung von Typografie und Märkten

Verschiedene Institutionen interagieren in Märkten miteinander: Um z.B. das europäische Kolonialsystem aufzubauen, bedurfte es u.a. Staaten, Banken, Börsen, wirtschaftliche Gesellschaften u.v.m.. Damit untereinander Informationen schnell ausgetauscht werden konnten, war die Typografie als ökonomisches Instrument dafür unverzichtbar. Stellen Sie sich eine Zeitung mit tagesaktuellen Aktienkursen ohne Drucktechnik vor, Genehmigungsvorgänge ohne gedruckte Formulare oder natürlich auch die Verbreitung von Wissen und Kultur ohne gedruckte Bücher! Vieles wäre auch allein auf skriptologischer Technologie denkbar – wie nicht nur das römische Reich historisch zeigt. Aber die Effizienz und Geschwindigkeit ist dabei eine andere. Mit dem Druck skalieren Prozesse auf einmal: Sie konnten Schulbücher in weit entfernte Kolonien exportieren, es war möglich, tagesaktuelle Nachrichten an viel mehr Menschen als je zuvor zu verteilen – alles unbedingte Voraussetzungen für funktionierende Märkte – und letztlich auch den Kapitalismus als bald marktbeherrschende Funktionslogik dahinter.

Es wäre aber mehr als verkürzt, den Druck allein als Wegbereiter des Kapitalismus zu begreifen. Durch und mit ihm entwickelten im mitteleuropäischen Raum z.B. Literatur und Musik zu einer vorher nie denkbaren Blüte. Zunehmend dominierten ab 1700 weltliche Inhalte den europäischen Buchmarkt. Bis heute haben z.B. die Werke von Schiller und Goethe im schulischen Literaturkanon einen festen, kaum wegdenkbaren Platz. Warum welcher Autor jedoch zu Bekanntheit gelangte, war schwer vorhersehbar und hing nicht selten von Zufällen ab. Dass der Buchdruck für die Verbreitung eine gewichtige Rolle spielte, scheint hingegen sicher.

Die Typografie als neue Kulturtechnik verlangte im Gegensatz zur Skriptografie nach nochmals erweiterten Fähigkeiten.

  • Die Fähigkeit externe Gedankenmuster in eigene Gedankenstrukturen zu übertragen
  • Die Bewertung von Texten auf unterschiedlichen Ebenen (z.B. sachlich, ästhetisch, im Hinblick auf die Herkunft)
  • Die Entwicklung erster Filterstrategien für z.B. unzuverlässige Informationen (z.B. in pietistischer Erweckungsliteratur)