0030 – Oralität oder das Zeitalter des Leitmediums Sprache

Der Mensch entwickelte als Spezies ein komplexe Sprache. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass das auch anderen Lebewesen gelungen ist – bei Walen etwa finden sich ebenfalls komplexe Lautmuster – doch in Verbindung mit dem aufrechten Gang ermöglichte Sprache erstmals dem Menschen die kulturellen Errungenschaften einer Stammesgesellschaft.

Die einzelnen Mitglieder dieser Gesellschaftsform sind durch das Medium Sprache miteinander verbunden. Das Medium begrenzte natürlich die Größe der Organisationseinheit Stamm allein schon dadurch, dass Sprache akkustisch nicht sehr weit trägt. Mehr als ein paar Hundert Menschen sind durch dieses Medium kaum sinnvoll zu erreichen. Durch Sprache wurden bestimmte kulturelle Errungenschaften möglich, wie z.B. Ackerbau, gemeinsame Jagd, aber auch gemeinsame Legenden, Lieder und Geschichten.

Stamm der Massai, Afrika, in bunter Kleidung beim Tanz

Bild von David Mark auf Pixabay

Die Teilhabe an dieser Kultur war nicht voraussetzungslos. Das Individuum musste gewisse Fertigkeiten entwickeln, u.a.

  • die physiologische Fähigkeit zur Produktion von innerhalb eines Stammes normierten Lauten
  • die Fähigkeit, Laute aufzunehmen und mit Bedeutung anzureichern
  • die Fähigkeit zur Imitation
  • die Fähigkeit zur Interpretation von Lauten
  • Mnemotechniken zur Wissensspeicherung und -weitergabe

Eine möglich unverfälschte orale Weitergabe von Wissen ist mündlich gar nicht so einfach. In westeuropäischen Kulturkreisen spielte dieser Umstand eine Rolle bei der Entwicklung von Melodie, Metrum und Reim – beides Mnemotechniken, um z.B. Epen möglichst unverfälscht an künftige Generationen weiterzugeben.

In unserer heutigen Kultur sind Sprache, Melodie, Reime und Metren nicht wegzudenken – letztere vor allem im Bereich der Musik und Sprachkunst. Wir hören z.B. gebannt Poetry-Slammern zu und nicht selten sind soziale Gruppen durch gemeinsame Musikstücke miteinander verbunden. Wer nicht sprechen kann, hat es in unserer Kultur deutlich schwerer.

0020 – Eine Reise durch die Geschichte der Medialität

Der Begriff Medium kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Mitte – unter einem Medium versteht man ganz allgemein einen Vermittler von Inhalten – das kann zum Beispiel eine Zeitschrift sein, die Informationen vermittelt, oder die Sprache selbst, durch welche sich Menschen untereinander verständigen.

 

Dem ersten Teil dieser Definition hätte ich vor wenigen Jahren noch zugestimmt. In diesem Sinne sind Tablets, interaktive Tafeln, Handy oder Notebook schlicht Medien – in öffentlichen Diskursen ist darüber hinaus oft von neuen oder digitalen Medien die Rede. Mittlerweile spreche ich in diesem Zusammenhang lieber von Geräten statt von Medien. Im Kapitel über die Geschichte des Internets wird zusätzlich klar werden, dass auch die Geräte keinesfalls neu sind, sondern uns schon seit Jahrzehnten zur Verfügung stehen. Die Ineinssetzung von Medium und Gerät begünstigt eine technikzentrierte Definition von Digitalität, die im Hinblick auf schulische Unterrichtsentwicklung höchst problematisch ist.

Leider sind passendere Definitionen für den Medienbegriff etwas unhandlich:

Es ist daher irreführend, von Computern als Medium zu sprechen. Der Computer ist kein Medium, sondern ein Gerät, er ist das materielle Substrat eines Mediums, aber nicht das Medium selbst. Selbst die Programme der social software oder die globalen technischen Netzwerke, die die Erde in drei verschiedenen Orbits umspannen und das Internet sowie alle digitalisierte Kommunikation regulieren, sind nicht das Medium. Medium sind vielmehr die unsichtbaren, nicht materialisierbaren Informations- und Kommunikationssysteme.

 

Rückriem, Georg: Mittel, Vermittlung, Medium – Bemerkungen zu einer wesentlichen Differenz, Vortrag im Graduiertencolloqium der Universität Potsdam, Golm 2010

Mit dem Zusatz aus der ersten Mediendefinition, dass die Sprache selbst ein Medium ist, kommen wir der Sache schon etwas näher.

In so einer Lesart stellt digitale Technik lediglich einen Zugang zu einem Raum her, der schlicht andere Formen von Kommunikation ermöglicht. Darin unterscheidet sie sich im Grunde nicht von vorangehenden Technologien, die wir als jedoch gar nicht mehr als Technologie wahrnehmen, weil sie so selbstverständlich für uns sind. Jede für sich war aber historisch gesehen beispiellos und disruptiv für die menschliche Kultur.

Harold Jarche erklärt mit großer inhaltlicher Schnittmenge zu David Ronfeldt u.a. in seinem Aufsatz „Principles and models for the network area” (Jarche, Harold: Principles and models for the network area , auf: jarche.com, veröffentlicht im Juli 2016) das heutige Zustandekommen der vernetzten Welt. Für ihn ist es eine logische Folge einander ablösender Leitmedienwechsel. Medium ist hier in der Definition Rückriems zu verstehen.