0170 – Warum das alles eine Überwindung des klassischen Marktes ist

Vor dem Zeitalter der Digitalisierung war in der westlichen Welt der klassische Industriekapitalismus die führende Wirtschaftsideologie. Im wesentlichen bestimmten einfache Prinzipien wie etwa Angebot und Nachfrage grundlegende Abläufe. Durch Personalisierung ist eine Erweiterung des im Grunde immer noch kapitalistischen Prinzips möglich – Shoshana Zuboff verwendet dafür den Begriff des Überwachungskapitalismus.

Der Überwachungskapitalismus ermöglicht ihre Meinung nach z.B. auf Basis von Datenanalysen Vorhersagen darüber zu machen, welche Dienstleistungen und Produkte mit hoher Wahrscheinlichkeit bald am Markt nachgefragt sind. Macht kumuliert sich dabei nicht mehr allein in staatlichen Institutionen, sondern zunehmend auch in digitalen Großkonzernen, weil Macht für Zuboff direkt mit der Menge der zur Verfügung stehenden Daten korreliert – darin sind z.B. Google, Amazon oder Microsoft staatlichen Institutionen schon jetzt überlegen und durch ihre globale Ausrichtung zudem schwierig durch gängige demokratische Instrumente (u.a. gesetzgeberische Regelungen) zu kontrollieren.

Damit sind bisher eingespielte Verfahren zur Regulierung des Marktes nicht mehr wirksam. Der Markt ist ein klassischer mehr, sondern ein durch digitale Möglichkeiten immens erweiterter. Zudem sind oftmals demokratische Meinungsbildungsprozesse schlicht zu langsam, um mit immer neuen technologischen Entwicklungen und damit verbundenen Fragestellungen mitzuhalten. Es braucht also neue Formen staatlicher Souveränität – und nicht zuletzt digital mündige Bürgerinnen und Bürger.

0070 – Das Beispiellose als Begleiter des Leitmedienwechsels

Shoshana Zuboff beschreibt in ihrem bemerkenswerten Buch „Der Plattformkapitalismus“ eine Situation aus ihrem Leben: Bei einem Wohnungsbrand in ihrem Haus waren in einigen Räumen noch keinerlei Flammen vorhanden. Shoshana Zuboff wollte in dieser Situation noch Fotoalben ihrer Familie retten. Kaum hatte Sie das Haus verlassen hatte, ging dieses explosionsartig in Flammen auf.

Flamme in der Luft

Bild von Pexels auf Pixabay

Was Shoshana Zuboff hier beschreibt, hört sich nach einer Rauchgasexplosion (Backdraft) an – bei Feuerwehrleuten gefürchtet: Unter Sauerstoffmangel bilden sich bei einem Brand entzündliche Rauchgase. Ist eine geeignete Zündquelle vorhanden (z.B. ein Glutnest) und wird dann z.B. durch dass Öffnen eines Fenster Sauerstoff bereitgestellt, kann sich das Rauchgas explosionsartig entzünden. Mit diesem Wissen im Hintergrund erscheint Shoshana Zuboffs Verhalten nicht nachvollziehbar – und wahrscheinlich hätte sie sich selbst nicht so verhalten im Wissen um den Ernst der Lage.

Die Situation war aber für sie auf Basis ihrer bisherigen Erfahrungen beispiellos. Diese Beispiellosigkeit erklärt ihr aus unserer Sicht unvernünftiges Verhalten. Ihre kleine Anekdote zeigt grandios die Struktur des Beispiellosen. Die Geschichte der Entwicklung von Technologie ist geprägt vom Beispielosen und teilweise grotesk falscher Einschätzungen von Experten oder Firmenbossen.

Hier einige in sozialen Medien oft bemühte Beispiele:

Dieses Telefon hat zu viele Schwächen, als dass man es ernsthaft für die Kommunikation in Erwägung ziehen kann. (internes Memo von Western Union 1876)

Internet wird kein Massenmedium. . (Max Horx, Zukunftsforscher 2001)

Das Abonnement-Modell für den Kauf von Musik ist gescheitert. . (Steve Jobs, CEO von Apple 2003)

Aus heutiger Sicht klingen diese Einschätzungen skurril. Aus der jeweiligen Zeit heraus erschienen die Reaktionen jedoch durchaus nachvollziehbar, was mit ihrem beispiellosen Charakter zu tun hat. Das Beispielose passt nicht zu den gängigen Verhaltensmustern einer Gesellschaft. Es ist völlig normal und nachvollziehbar, dass im Verhalten zum Beispiellosen Fehler geschehen. Diese Fehler sind jedoch wichtig, um auf Dauer geeignetere Verhaltensmuster entwickeln zu können.

Sie werden in den Bildungscommunities im Internet auf Menschen treffen, die Diskurse um Digitalität im Kontext von Schule maßgeblich prägen. Einigen ist gemein, dass sie zumindest rhetorische Strategien entwickelt haben, mit dem Beispiellosen umzugehen. Sie ziehen sich entweder auf eine deskriptive (rein beschreibende) Haltung zurück, oder entlarvenz.B. durch Kritik Verhaltensmuster anderer auf das Beispiellose als skurril und unlogisch. Damit gehen sie nicht das Risiko eventueller Fehleinschätzungen ein, leisten meiner Ansicht nach aber auch keinen Beitrag zur Entwicklung geeigneter Verhaltensmuster in der Gesellschaft. Auch diese rhetorische Strategie ist übrigens beispiellos.

Das Internet und seine Geschichte sind durchdrungen vom Beispiellosen. Die Gesellschaft hat an vielen Stellen noch keine Strategien des Umgangs damit entwickelt – vieles wird gerade erst verhandelt und unsere gewohnten Kommunikationsstrukturen scheinen dieser Aufgabe oft genug nicht gewachsen. Das liegt nicht zuletzt an der im Vergleich zur Typografie geradezu – historisch übrigens beispielslos – rasanten Entwicklung des Internets, über die Sie im nächsten Kapitel etwas erfahren werden.